Donnerstag, 4. Januar 2018

Mein erfüllt-es Leben

Ich trieb im warmen Wasser. Es fühle sich herrlich an. In meinem abgedunkelten, warmen Umfeld fühlte ich mich wohl und geborgen. Gedämpft drangen Stimmen und Geräusche zu mir.
Ich spürte wer und was ich bin - Liebe. Und - ich spürte die Anbindung an das große Ganze.
Genüsslich räkelte ich mich und freute mich auf das, was vor mir lag.

In ein paar Monaten würde ich geboren werden. Liebevolle Eltern und eine große Schwester erwarteten mich und sie würden mir den Namen geben, den ich mir ausgesucht hatte. Christian.

Ich wusste was auf mich zukam, denn - ich hatte es mir genau so ausgesucht.
Zugegeben, es würde eine sehr intensive Zeit werden, doch es würde alles das geschehen was vorgesehen war.

Als der Tag kam den ich mir für meine Geburt ausgesucht hatte, machte ich mich auf den Weg. Nun durfte ich wieder die Liebe und das Licht in die Welt bringen, wie schon viele Male zuvor.

Ich bewegte mich in meinem Tempo durch den Geburtskanal.

Als ich an einem verschneiten Februarmorgen das Licht der Welt erblickte begann das Abenteuer Leben - für mich, meine Eltern und meine Schwester.

Liebevoll wurde ich empfangen. Mein Vater hielt meine Hand als der Arzt mich untersuchte. Ich spürte tiefe Liebe und Verbundenheit für den Menschen, der mir dieses Leben geschenkt hatte und ließ ihn auch meine Liebe spüren.

Da ich, aus medizinischer Sicht, ein paar Auffälligkeiten hatte, kam ich für weitere Untersuchungen in eine Kinderklinik.
Dort wurde das erkannt, was ich mir u.a. als Aufgabe mitgebracht hatte.

Ich hatte einen Herzfehler.

Für meine Eltern und meine Schwester begann eine Zeit ihrer größten Herausforderungen und Lernerfahrungen.

Die Ärzte bemühten sich um mich. Mit einem Hubschrauber wurde ich in ein Herzzentrum geflogen, wo umfangreiche Untersuchungen vorgenommen wurden.

Dann - erhielten meine Eltern die Nachricht, die ihr Leben vollkommen verändern würde:
Ich würde nicht lange bei ihnen bleiben können.

Als mein Vater von meinem Zustand erfuhr brach er weinend zusammen.
Meine Mutter hatte das Gefühl in einem Albtraum zu sein und wartete darauf aufzuwachen. Meine dreijährige Schwester konnte nicht verstehen, warum das Baby, auf das sie sich so gefreut hatte, nicht nach Hause kommen konnte. Sie fühlte die tiefe Trauer unserer Eltern, die sie vollkommen verwirrte. Sie fühlte sich alleine gelassen.

Ich wurde, wieder per Hubschrauber, in die Intensiv-Kinderklinik der Heimatstadt meiner Eltern geflogen um dort meine Erdentage zu verbringen und meine Eltern und meine Schwester stark zu machen.
Jeder von ihnen würde seine ganz persöhnlichen Lernerfahrungen durch unsere gemeinsame Zeit ziehen. So war es vorgesehen.

In der Zeit die dann folgte hatten meine Eltern die Möglichkeit mich näher kennen zu lernen, denn bisher hatten wir ja nicht viel Zeit miteinander verbringen können.

Da ich an ein Beatmungsgerät angeschlossen war, eine Magensonde hatte und noch andere diverse Überwachsgeräte meine körperlichen Zustand beobachteten, entschlossen sich meine Eltern mich so meiner Schwester nicht zu zeigen. Sie befürchteten, dass sie der Anblick schockieren würde.

Meine Eltern genossen die Zeit, die wir miteinander verbrachten. Sie streichelten mich und redeten mit mir. Gerne hätte ich ihnen gesagt:
"Seid nicht traurig. So wie es ist, ist es gut und richtig."

Ich schenkte ihnen die Liebe, die auch weiterhin von der Quelle durch mich zu ihnen floss.

Es kam der Tag, an dem ich heimgehen konnte. Zurück zur Quelle.
Ich war 5 1/2 Wochen alt.
Meine Eltern waren bei mir. Meine Mutter hielt mich im Arm und streichelte mich.

Kurz bevor mein Herz aufhörte zu schlagen öffente ich noch einmal die Augen. Ich verabschiedete mich dankbar von diesen beiden wundervollen Menschen mit all meiner Liebe und kehrte dorthin zurück, wo alles eins ist.

Meine Eltern und meine Schwester, jeder von ihnen ging anschließend auf die für sie stimmige Weise mit der Trauer um.

Es brauchte Zeit bis jeder von ihnen für sich das ganz persönlich Geschenk erkennen konnte, welches ich ihnen gemacht habe.


Wenn ihr mich vermisst, ihr Lieben - ich bin immer bei euch.
In euren Herzen brennt die Flamme meiner Liebe. Auf ewig.

Und - liebe Schwester - die vielen Bilder, die du damals für mich gemalt hast - ich habe sie alle gesehen. Und auch wenn wir uns nicht persönlich begegnet sind, so war ich doch immer bei dir und bin es noch.

Ich danke euch für eure Liebe und die Bereitschaft für dieses gemeinsame Erleben.
Wir sehen uns wieder.

In Liebe, Christian







Ó 01/2018  Karin Alana Cimander
Bildquelle: pixabay

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